Buchrezension #7: Ein wenig Leben – von Hanya Yanagihara

Buchrezension Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara

Worum geht’s?

In Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara wird die Freundschaft von vier Männern über eine Zeitspanne von mehr als 30 Jahren hinweg erzählt. Jude, Willem, Malcolm und JB lernen sich als junge Männer auf dem College kennen und trotz (oder vielleicht auch wegen) ihrer unterschiedlichen Hintergründe und Charakteren entsteht eine lebenslange Freundschaft zwischen den Vieren.

Nachdem alle Charaktere vorgestellt sind wird bald klar, dass sich die Geschichte vordergründig um das Schicksal von Jude St. Francis dreht. Seine Herkunft liegt anfangs noch im Verborgenen, doch nach und nach erfährt der Leser mehr über Jude’s erschütternde Geschichte. Obwohl Jude für sein engstes Umfeld oft ein Mysterium ist, leiden sie alle mit Jude mit und begleiten ihn durch die Höhen und Tiefen seines Lebens; sorgen sich um und für ihn und halten an der Hoffnung des guten und glücklichen Lebens fest. Für Jude, wie auch für sich selbst in ihren eigenen Ängsten und Zweifeln.

Erzählstil

Das Buch von Hanya Yanagihara begleitet die vier Freunde – und weitere Charaktere die später dazukommen – auf ihren unterschiedlichen Karrieren und Lebenswegen und deckt gleichzeitig Stück für Stück die Vergangenheit (also Kindheit und Jugend) von Jude St. Francis auf. Der grösste Teil von Ein wenig Leben ist entsprechend aus der Perspektive von Jude erzählt. Einige Kapitel sind allerdings auch aus der Perspektive von anderen Protagonisten geschrieben. Innerhalb der Kapitel wechselt die Autorin Hanya Yanagihara oft zwischen der „Gegenwart“ und Erinnerungen hin und her. Anfangs ist dies noch gewöhnungsbedürftig, mit der Zeit erscheint einem dieser Stil aber ganz natürlich, da es die Gedankengänge der Protagonisten und so ihre Motive und Emotionen abzubilden versucht.

Wie hat’s mir gefallen?

Ein wenig Leben ist in jeder Hinsicht ein schweres Buch. Mit seinen knapp 1000 Seiten lässt es einem sehr tief in die Geschichte eindringen und zeichnet ein sehr detailliertes Bild von Jude und seinen engsten Vertrauten auf seinem Lebensweg ab. Hanya Yanagihara schafft es hervorragend, Situationen und Gefühle so zu beschreiben, dass man selbst Freude, Trauer, Schmerz, Ohnmacht, Verzweiflung oder Hoffnung empfindet.

Die Erzählungen zu Jude’s Vergangenheit und auch die Schilderungen seines gegenwärtigen Schicksals waren für mich sehr erschütternd und manchmal kaum aushaltbar zu lesen. Ich musste das Buch sehr oft weglegen und erstmal verdauen, was ich da gelesen habe. Dennoch verspürt man den inneren Drang, unbedingt weiterzulesen und zu hoffen und zu hoffen.

Hanya Yanagihara’s Buch kann dich emotional sehr mitreissen; mich hat es zumindest oft in Erschütterung, Trauer und Verzweiflung zurückgelassen. Die Brutalität des Schreibstils an gewissen Stellen bzw. der Erzählung an sich hat mich teilweise geschockt – vielmehr aber auch das Wissen darum, dass solche Situationen in der Realität tatsächlich stattfinden und die Ohnmacht, in diesem Moment nichts dagegen tun zu können. Abgelöst auch von der Dankbarkeit, selbst ein so schönes und heiles Leben leben zu dürfen….

Auf jeden Fall, wie du siehst, hat es mich sehr mitgenommen und es ist wieder spannend zu sehen, wie ein Buch so viele Gefühle in einem auslösen kann. Ein wenig Leben ist für mich ein sehr erschütternder, aber auch ein sehr sehr guter Roman.

Lieblingszitat?

Der Schreibstil von Hanya Yanagihara gefällt mir sehr gut. Viele sehr lange, verschachtelte Sätze, die so detailliert beschreiben, was in den Personen vor sich geht, dass man sich immer nah am Geschehen fühlt. Die folgende Stelle im Buch gefällt mir sehr gut, da sie die Verzweiflung, Hoffnung und den inneren Konflikt der Protagonisten in Bezug auf Jude’s Schicksal ziemlich treffend zum Ausdruck bringt (S. 492):

„Später, als es richtig schlimm wurde, fragte ich mich manchmal, was ich hätte sagen oder tun können. Manchmal dachte ich, es gebe nichts, was ich hätte sagen können – es gab zwar etwas, das geholfen hätte, aber niemandem von uns, die es hätten sagen können, wäre es gelungen, ihn davon zu überzeugen.“

Fazit

Das Buch Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara ist eines der erschütterndsten, tiefgehendsten und emotional aufwühlendsten Bücher die ich je gelesen habe. Ein Buch, dass dich das ganze Gefühlsspektrum durchleben lässt und dich nicht mehr so schnell los lässt. Nichts für Leute die beschwinglichere, seichtere Literatur bevorzugen. Doch wer intensive Leseerfahrungen liebt, dem ist dieses Buch unbedingt zu empfehlen.

Buchdetails

Titel: Ein wenig Leben | Autorin: Hanya Yanagihara
Verlag: Hanser | Seiten: 960
Die gebundene Ausgabe des Buches könnt ihr beispielsweise auf orellfüssli zum Preis von Fr. 39.90 erwerben.

 

Wie hat dir das Buch Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara gefallen? Konntest du es in einem Zug durchlesen? Ich freue mich auf Kommentare!

Schau dir für weitere Buchempfehlungen gerne auch meine anderen Buchrezensionen an!

Alles liebe, Corinne

 

 

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